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Nachgefragt bei… Clara Föller

Im Rahmen einer dreiteiligen Ausgabe von "Nachgefragt bei ..." sprechen in diesem Monat drei EBD-Vorstandsmitglieder, die sich aus dem Vorstand verabschieden, über ihre Erfahrungen und Perspektiven.

Im dritten Teil der Reihe sprechen wir mit Clara Föller, Europareferentin für die Stadt Frankfurt am Main, Mitglied der Jugendabteilung und des Advisory Council on Youth (Europarat). Im Kurzinterview blickt sie auf ihre Zeit im EBD-Vorstand zurück, spricht über aktuelle europapolitische Herausforderungen sowie ihre Wünsche für die Zukunft.

Frau Föller, welche europapolitische Fragestellung wird aus Ihrer Sicht in Deutschland unterschätzt?

Clara Föller: Ich bin europäische Föderalistin. Für mich ist Europa zuallererst eine real gewordene Utopie, ein Gegenentwurf zum Nationalismus, der uns spaltet: stattdessen die Überzeugung, dass uns als Menschen mehr verbindet, als uns trennt. Diese grundsätzliche Sicht auf Europa als Gemeinschaft von Menschen vermisse ich in vielen Debatten. Wenn Europa besprochen wird, dann fast ausschließlich aus einer deutschen Perspektive. Denken wir etwa an die Überlegungen zu Grenzkontrollen oder die Wehrpflicht: Oft gibt es zuerst einen deutschen Reflex, den ich für problematisch halte. Warum debattieren wir Verteidigung beispielsweise nicht gleich europäisch?

Wir verlieren (auf EU-Ebene) durch Intergouvernementalismus viel Zeit, Energie und politische Schlagkraft in der Konsolidierung 27 verschiedener Positionen, um dann als Basis für europäisches Handeln einen kleinsten gemeinsamen Nenner zu haben, der den aktuellen Herausforderungen nicht gewachsen ist. Vor allem aber, und das besorgt mich noch etwas mehr, sprechen wir kaum mehr miteinander über Europa als positiven Gesellschaftsentwurf und was er für uns bedeutet. „Europa“ wird damit zu „Politik“, etwas womit viele Menschen sich schwer tun, weil es Regulierung bedeutet und weit weg in Brüssel oder Berlin verortet wird. Ich bin überzeugt: Wenn wir Europa zukunftsstark machen wollen, dann braucht es neben den Reformen zu einem handlungsfähigeren Europa insbesondere auch die Wiederbelebung der europäischen Idee und Debatte, etwas, dem man sich auf individueller Ebene auch emotional verbunden fühlt und sich darüber eine Meinung bildet.

Sie vertreten in Ihrem Engagement insbesondere die Perspektive junger Europäerinnen und Europäer: Sehen Sie hier einen unmittelbaren Bezug?

Clara Föller: Europapolitik ist für viele junge Menschen in Deutschland zunächst ein Lernmodul im Politikunterricht. Warum wurde die EU gegründet, wie ist sie heute aufgebaut und so weiter. Gerade junge Menschen befassen sich oft aber ja auch sehr stark mit sehr grundsätzlichen Fragen nach der eigenen Identität, des Zusammenlebens und der Zukunft. Ich denke, wir können (und sollten) so ähnlich wie wir über Demokratie sprechen, nämlich als Form gesellschaftlichen Zusammenlebens, in der alle Menschen frei und gleich sind, auch über die europäische Idee und die Frage wohin sie geht sprechen.

Sehr viel greifbarer ist dies übrigens, wenn man sich mit jungen Menschen in der Ukraine, in Belarus oder Georgien unterhält. Gerade dort, wo autokratische bis diktatorische Regierungen sehr wesentlich in den Alltag und die Selbstbestimmung junger Menschen eingreifen, ist das europäische Modell als gelebter Gegenentwurf, der Freiheit, Frieden und Sicherheit bringt, sehr attraktiv und erstrebenswert.

Um das zu fördern, gibt es viele Stellschrauben, man muss sie nur drehen wollen. Europa ist nicht nur eine Frage der Bildung, sondern vor allem auch eine Frage gesellschaftlicher Haltung. In Schulen könnte man beispielsweise mit der Vermittlung der europäischen Idee schon in der Grundschule beginnen. Dass sich auch die Jüngsten schon sehr ernsthaft mit diesen Themen auseinandersetzen können, sehen wir jedes Jahr im Europäischen Wettbewerb, der ab der 1. Klasse beginnt. Ganz wesentlich fördern kann man die europäische Idee bei jungen Menschen aber auch, indem man hierfür außerschulische Räume schafft und offenhält. Die Arbeit, die beispielsweise in Jugendverbänden, Austauschprogrammen usw. getragen wird, holt junge Menschen unmittelbar in ihrer Lebensrealität ab und nimmt sie, ohne Leistungsdruck, ernst. Aktuell beobachten wir in den Jugendverbänden allerdings eher, dass diese Räume, beispielsweise durch finanzielle Kürzungen, eingeschränkt werden. Damit schließlich diese europäische Auseinandersetzung auch eine Wirkung entfalten kann, braucht es aber natürlich auch die Reformen, die die demokratische Mitbestimmung auf europäischer Ebene erhöhen, also: Weniger europäischer Staatenbund, mehr europäische Demokratie.

Was nehmen Sie persönlich aus Ihrer Arbeit im EBD-Vorstand mit – und welchen Wunsch oder Rat würden Sie dem Netzwerk für die kommenden Jahre mitgeben?

Clara Föller: Vor einigen Jahren war ich selbst Praktikantin bei der EBD. Nun selbst Teil des Vorstands gewesen zu sein, war ein spannender Perspektivwechsel und zeigt, wohin Engagement führen kann. Die Arbeit im EBD-Vorstand, die ja auch ganz wesentlich die Zusammenarbeit mit dem Generalsekretariat umfasst, habe ich immer als extrem professionell, vorausschauend und sehr konstruktiv empfunden.

Es ist einfach bemerkenswert, konkrete europapolitische Fragestellungen mit Vertreter:innen verschiedener Verbände und ihrer jeweiligen Prioritäten zu diskutieren. Wer nun meint, man könne sich angesichts der Spanne der Positionen immer nur auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen, wird staunen. Ich habe im EBD-Vorstand erlebt, und dafür möchte ich meinen Vorstandskolleg:innen einen großen Dank aussprechen, dass selbst in schwierigsten Debatten alle bemüht waren im Rahmen ihrer eigenen Positionen und denen, die ihnen ihre Organisationen zugestehen, den größtmöglichen Spielraum auszureizen. Das hat der EBD immer erlaubt, klar Position zu beziehen, etwa beim Thema Grenzkontrollen, und auch die Arbeit der Bundesregierung kritisch zu beleuchten. Dadurch konnte die EBD als wichtiges Korrektiv der europapolitischen Debatte in Deutschland wirken.

Dürfte ich für die zukünftige EBD einen Wunsch äußern, wäre es der Folgende: Seid mutig und versucht die relevanten europäischen Fragestellungen noch stärker in die Mitte der gesellschaftlichen Debatte einzubringen. Die EBD ist ein fantastisches Netzwerk, das gerade im politischen Raum sehr geschätzt und beachtet wird. Ich glaube, sie könnte auch in gesellschaftlichen Debatten einen noch viel größeren Einfluss haben und vor allem all jenen Akteuren, die ihrerseits der Welle von Nationalismus etwas entgegensetzen wollen, ein gutes Zuhause sein.

Weitere Interviews der Reihe: Steffi Grimm und Barbara Lochbihler.

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