Nachgefragt bei… I.E. Botschafterin Maeve Collins
Im Format „Nachgefragt bei …“ kommen regelmäßig europäische Stimmen in Form eines Kurzinterviews zu Wort. In dieser Ausgabe sprechen wir mit I.E. Botschafterin Maeve Collins, die anlässlich des Beginns der Irischen Ratspräsidentschaft ab dem 1. Juli 2026 zu den Schwerpunkten der Ratspräsidentschaft und den Irisch-Deutschen Beziehungen berichtet.
I.E. Maeve Collins ist seit 2024 die Botschafterin Irlands in Deutschland und setzt sich in ihrer Funktion für die Förderung der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen zwischen den Ländern ein. Vor ihrem Amtsantritt war sie Generaldirektorin der EU-Abteilung des Irischen Außenministeriums.
Frau Botschafterin Collins, welche Themen sind für Sie im kommenden Halbjahr der irischen Ratspräsidentschaft ganz persönlich prioritär?
I.E. Maeve Collins: "Zunächst einmal vielen Dank für die Einladung, bei „Nachgefragt bei...“ mitzumachen. Es ist eine tolle Gelegenheit für uns, mehr über die irische EU-Ratspräsidentschaft zu sprechen. Unsere Prioritäten orientieren sich an drei zentralen Themen: Wettbewerbsfähigkeit, Werte und Sicherheit. Vorab ist es mir wichtig zu betonen, dass keiner der Bereiche wichtiger ist als die anderen. Sie schließen sich nicht gegenseitig aus, sondern greifen ineinander und verstärken sich gegenseitig.
Zur Wettbewerbsfähigkeit: Um den Herausforderungen der Welt begegnen zu können, brauchen wir eine wirtschaftlich starke Union. Daher werden wir uns konsequent für den Abbau von Bürokratie, eine tiefere Integration des Binnenmarktes sowie die Stärkung des Handels einsetzen, während wir gleichzeitig die Digitalisierung und die Energiewende entschlossen vorantreiben. Dabei wird natürlich auch die Einigung über den Mehrjährigen Finanzrahmen 2028-2034 ganz wichtig sein! Unsere Aufgabe als EU-Ratsvorsitzende wird sich darauf fokussieren, hier die notwendigen Kompromisse auszuhandeln und als ehrlicher Vermittler zu agieren.
Unseren zweiten Schwerpunkt legen wir darauf, fundamentale Werte zu stärken. Freiheit, Demokratie, die Würde des Menschen, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte müssen heute mehr denn je verteidigt werden. Uns ist es besonders wichtig, die Rechte von Frauen und LGBTIQ+ Personen zu stärken. Auch wollen wir den Schutz, insbesondere von Kindern im Internet stärken. Multilateralismus, Entwicklungszusammenarbeit und Rechtsstaatlichkeit werden unser Engagement innerhalb und außerhalb der EU leiten.
Die dritte Priorität unseres EU-Ratsvorsitzes ist die Sicherheit. In der heutigen Zeit kann kein Land die globalen sicherheitspolitischen Bedrohungen im Alleingang bewältigen. Daher ist es von elementarer Bedeutung, diesen Herausforderungen gemeinsam mit gleichgesinnten Partnern zu begegnen. Ein wesentlicher Fokus unserer Arbeit wird folglich darauf liegen, die Verteidigungskapazitäten und die innere wie äußere Sicherheit der Europäischen Union zu stärken."
Die Ratspräsidentschaft ist immer verbunden mit viel Abstimmung und Koordination mit allen EU-Mitgliedsstaaten. Wie sehen Sie die deutsch-irische Zusammenarbeit und welche Highlights gibt es hier?
I.E. Maeve Collins: "Ich habe das große Glück, Botschafterin in einem Land zu sein, mit dem wir hervorragende Beziehungen haben. Deutschland ist für Irland seit unserem Beitritt zur damaligen EWG im Jahr 1973 ein bedeutender EU-Partner.
Ein wichtiges Beispiel für unsere enge Beziehung ist der bilaterale Joint Plan of Action. Der Aktionsplan bildet eine wichtige Grundlage für die strategische Zusammenarbeit zwischen Irland und Deutschland in mehreren gemeinsamen Schwerpunktbereichen. Dazu gehört die Zusammenarbeit in der Außen-, EU- und Sicherheitspolitik; die Zusammenarbeit in der Klima- und Energiepolitik; das gemeinsame Engagement bei EU-politischen Themen von gemeinsamem Interesse, einschließlich der Agrarpolitik; sowie die Vernetzung zwischen den Menschen, im Bildungswesen und in der Forschung.
Außerdem ist Deutschland Irlands drittgrößter Handelspartner, mit einem Handelsvolumen von 77,5 Milliarden Euro im Jahr 2024. Es ist zudem unser größter Handelspartner innerhalb der Europäischen Union. Diese enge Verbindung spiegelt sich auch im Tourismus wider: Irland bleibt ein äußerst beliebtes Urlaubsziel für deutsche Reisende, was unsere tiefen kulturellen Bande weiter stärkt. Ein besonderer Ausdruck dieser Verbundenheit, der vielen kaum bewusst sein dürfte: Der größte St. Patrick’s Day-Umzug Kontinentaleuropas findet in München statt!"
Sie waren auch schon stellvertretende Ständige Vertreterin Irlands bei der Europäischen Union: Wie europäisch ist die Berliner Politik und was würden Sie sich hierfür wünschen?
I.E. Maeve Collins: "Das stimmt, ich habe einige Jahre in Brüssel verbracht. Und während meiner gesamten beruflichen Laufbahn waren die Europäische Union und die europäische Agenda ein ständiges, wichtiges Thema, nicht zuletzt, als ich stellvertretende Delegationsleiterin des EAD in Tokio, oder irische Botschafterin in Helsinki war.
Vor meiner aktuellen Position als irische Botschafterin in Berlin war ich außerdem zuletzt als Generaldirektorin der EU-Abteilung des irischen Außenministeriums in Dublin tätig. Sowohl in Brüssel als auch in Dublin, und jetzt in Berlin war immer klar, wie zentral die europäische Agenda für Berlin ist – und wie aufmerksam Deutschlands politische und wirtschaftliche Entscheidungen in Brüssel verfolgt werden. Insofern freue ich mich sehr darüber, die irische EU-Ratspräsidentschaft aus Deutschland heraus zu begleiten!"


